Typen

He plays the bicycle and his name is: Frank Zappa!

Querfeldein – So soll es sein!

Heute hat A. Geburtstag

Lieber A.,
ich wünsche Dir alles Gute zum Geburtstag.

A., die Montenbikelegende aus dem Mittelfeld, wuchs auf in der Nähstube von Karin in Dortmund, Lütgendortmund. Er ist einer, der Alles fährt, aber niemals putzt. Auch nicht sein Bike. Dafür hat er die Geschichten. Immer was zu erzählen. Die machen jeden Anstieg zum Theater, im positiven Sinne des Wortes. Zum Beispiel die von Olga Soldata oder die von Karin Sonnenschein. Oder die von Eva. Oder die von Karin Oslowski? Wobei die Geschichte von Karin Sonnenschein eigentlich eine des Radwanderers ist. Jahrelang hatte ich sämtliche Ferienwochen in Koudekerke an der Nordsee verbracht. Und das waren ganz schön viele Wochen. Täglich zogen wir mit dem Bollerwagen und meinen drei Schwestern gen Strand. Meine Eltern waren Lehrer, hatten dort ein Häuschen und daher waren wir eigentlich fast immer dort. Irgendwann wollten sie dann zur Abwechslung in die Berge. Sie buchten die Familienpension xxx in Südtirol. Der Radwanderer war damals noch kein Radwanderer. Dafür träumte er von einer Karriere beim FC und ging morgens und Nachmittags in den Obstgärten rund um die Pension joggen. Für die Fitness. Dann organisierte die Pension ein Fußballturnier: Mütter gegen die Söhne. Der Radwanderer spielte bei den Müttern und führte sie zu einem legendären Sieg. Das gefiel auch Karin Sonnenschein aus Schwelm, die ebenfalls mit ihren Eltern in der Pension wohnte. Ich glaube auf jeden Fall, dass es ihr gefallen hat. Beim abendlichen Tischtennis im Keller der Pension kam der Radwanderer ihr näher und sie ihm, glaubt er sich erinnern zu können. Blicke schlugen ineinander, wie das nur bei Teenagern funktioniert oder bei Blitzen. Ich habe Karin dann bis heute nicht vergessen. Oder besser gesagt, habe ich mich genau da wieder an sie erinnert, als A. erzählte das seine liebliche Gemahlin aus Schwelm stammt. Genau in diesem Moment schoss sie mir wieder durch den Kopf: Karin Sonnenschein! Kaum den Namen genannt, wurde die Verbindung klar: Karin Sonnenschein war Schulfreundin der Gemahlin. Doch eigentlich sollte es heute um A. gehen. Da fällt mir Olga Soldata ein. Ein Name, der auch die Kakaoschönheit auf einer Packung Kaaba schmücken könnte. Oder Karin Koslowski, aber lassen wir das.
Lieber A.,
danke für Olga, danke für die Karins und all die anderen Geschichten! Lass es dir gut gehen! Wir sehen uns im Westen der Republik.

Hände wie Schaufeln – Die Freddy Maertens Story

2008 besuchte ich die Eurobike, eine Fahrradmesse. In einer der Messehallen entdeckte ich den Stand des Museums „Centrum Ronde van Vlaanderen“. Ein paar mutmaßlich aus Belgien stammende ältere Herren warben dort für ihr Museum und die touristische Infrastruktur, die rund um den legendären Frühjahrsklassiker entstanden sind. Außerdem verkauften sie Shirts, deren Design sich an den Trikots legendärer Rennställe orientierte. Einer der älteren Herren bediente mich. Mir gefielen sein markantes Gesicht und die riesigen Hände mit denen er seine Worte schaufelnd untermalte. Wir unterhielten uns über diese Shirts und er erzählte von denen, die auf ihnen zitiert werden. Ich wühlte mich durch Faema, Molteni, Flandria und Solo Superia-Shirts. Als ich mich für ein Solo-Shirt entschieden hatte, ging er im Lager des Messestandes nach der richtigen Größe suchen. Einer seiner Mitstreiter hatte unser Gespräch aufmerksam beobachtet. Er machte einen Schritt auf mich zu: „Kennst du den?“ und zeigte in Richtung des Lagers. Ich verneinte. „Das ist …. !“ Der Name war mir nicht geläufig und ich schüttelte meinen Kopf. „Der“ kam mit triumphierendem Blick und einem Solo-Shirt in meiner Größe über den Arm aus dem Lager zurück. Seinen Namen hatte ich in diesem Moment schon längst wieder vergessen.

Zwei Jahre später fand ich mich in einer Garage in Meerbusch wieder. Der Hausherr hatte zunächst ein gutes Dutzend Räder in die Einfahrt räumen müssen, damit sein Lager überhaupt für mich begehbar wurde. Ich hatte ihn über eine Anzeige bei Kalaydo.de kennengelernt. Ich war auf der Suche nach einem klassischen Stahlrahmen für ein Singlespeed-Bike – er auf der Suche nach Käufern für seine Sammlung an Rennrädern, Rahmen, Schaltungen und sonstigem Zubehör. Schon am Telefon schien er mir äußerst kurzsilbig. Ich erläuterte ihm, dass ich nur auf der Suche nach einem Rahmen war und keine Sammlung kaufen würde. „Kein Problem, einzeln oder alles, Hauptsache weg.“ Ich sagte ihm, dass ich besonders an italienischen Stahlrahmen interessiert sei. „Musst du gucken kommen.“ Habe ich dann gemacht. Nun kramte er vor sich hin stöhnend einige Exemplare in die Einfahrt, um mir Platz zu schaffen. Ich entschuldigte mich für die Arbeit, die ich ihm machen würde. „Kannst sonst ja gar nichts sehen“. Als ich dann etwas sehen konnte entdeckte ich viel Schrott, teilweise verunfallte Rahmen, aber auch einige Schätzchen in unterschiedlichen Rahmengrößen. Bald räkelte ich mich zwischen an der Decke hängenden Stahlrahmen und versuchte einerseits Halt zu bewahren und andererseits Rahmengrößen auszumessen. Da ich ganz gewiss einen 56er Rahmen benötigte, war bald nicht mehr viel Auswahl übrig. „Im Keller habe ich noch mehr.“ Der war genauso gefüllt wie seine Garage und die oben beschriebene Prozedur wiederholte sich. Auch hier war nach einiger Arbeit Platz geschaffen. Ich nahm Maß und schleppte sämtliche in Frage kommende Rahmen in die Garageneinfahrt, um sie mir bei Tageslicht anzusehen. Schnell war klar, dass nur einer es ein konnte – ein Flandria-Rahmen mit großflächigem Freddy Maertens-Label:

Zuhause wurde das schöne Ding aus Stahl erst mal gesäubert und dann im Wohnzimmer aufgestellt. Manche Menschen schauen Fernsehen, andere Stahlrahmen! Freund A. platzte hinein in die andächtige Stille, meine Freundin hatte ihm Einlass gewährt. Er forderte mehr Information. Was ist Flandria und wer zum Teufel dieser Freddy Maertens? Ebenfalls neugierig geworden, hatte ich das Laptop aktiviert und den Namen des rätselhaften Unbekannten in die Suche eingegeben. Die Domain www.freddymaertens.be schien uns Auskunft geben zu können und einen Klick weiter platzte es aus mir heraus: „Den kenn ich! Bei dem habe ich dieses Shirt gekauft!“

Auch wenn die Internetseite nur sein Gesicht zeigte – ich sah Hände wie Schaufeln und diesen begeistert erzählenden alten Mann habe ich sofort wieder erkannt. Beide werde ich wohl nie wieder vergessen!

Put me back on my bike – Die Tom Simpson Biografie

„Es ist der 13. Juli 1967: Brütende Hitze am gefürchteten Mont Ventoux. Ein Tag in der Tour de France, der Bilder liefert, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen sollten. Unendlich leer ist der Blick von Ex-Weltmeister Tom Simpson. Er fährt zickzack, taumelt, stürzt, Ein Mechaniker hilft ihm wieder in den Sattel, schiebt ihn an. Wenige hundert Meter weiter bricht Simpson erneut zusammen. Verzweifelt versucht Tourarzt Dr. Dumas, ihn ins Leben zurück zu holen. Vergeblich. Alkohol und Amphetamine werden im Körper des Mannes gefunden, der keine Grenzen akzeptierte.“

Rund um diese Tragödie schreibt William Fotheringham eine Biographie, die auf keiner Seite Langeweile aufkommen lässt. Außerdem zeichnet er ein eindrucksvolles Portrait der Radsportszene in den 60er Jahren und liefert die Hintergründe, vor denen die Verbreitung von Doping im heutigen Radsport transparent wird. Eindrucksvoll plastisch wird das Geschehen in den eingestreuten Interviews, wenn Teamkollegen, Mechaniker und Freunde von ihrem ganz persönlichen Tom Simpson berichten.

Tom Simpson war Brite, entstammt also keiner klassischen Radfahrernation. Schon als Jugendlicher galt er als großes Talent und wurde 20-Kilo-Coppi genannt. Als junger Erwachsener wurde ihm schnell klar, dass er nur auf dem Kontinent eine realistische Chance besaß im Rennsportzirkus der Großen mitspielen zu können. Also zog er zunächst in die Bretagne und wohnte später in Flandern. Er war ein Gentleman durch und durch, immer gut gekleidet und hatte stets einen lustigen Spruch auf den Lippen. So machte er sich im Peloton schnell beliebt und erwarb mit Siegen bei den Klassikern Flandernrundfahrt, Mailand-San Remo, der Lombardei-Rundfahrt und dem Gewinn der Straßenweltmeisterschaft 1965 den Respekt seiner Kollegen.

Neben seiner Karriere mit all ihren Begleiterscheinungen, zunehmendem Ruhm, extensiven Dopings und einem Leben für das jeweils nächste Rennen, beschreibt Fotheringham auch andere Seiten Simpsons. Zum Beispiel war er ein beinahe poetischer Verfasser von zahlreichen Postkarten an ein befreundetes Paar in der britischen Heimat.
Put me back on my bike
Die Tom-Simpson-Biografie
von William Fotheringham
19,80 €
Hardcover, ca. 300 Seiten
ISBN 978-3-936973-29-7