Archiv der Kategorie 'Auf Eddys Spuren'

Laufen lassen!

Langsam wird es gut! Bereits seit geraumer Zeit befinde ich mich in einer vierköpfigen Ausreißergruppe. Zwei der Jungs hatten mich überholt, ich mich an sie dran gehängt. Der Dritte in unserem Zug war dann etwas später dazu gestoßen. Der Regen peitscht seit kurz nach dem Start vom Himmel, zum Glück ist es relativ warm. Auf den Kuppen des Haspengouw erwischen uns einzelne, recht starke Windböen. So lasse ich mich von dem Dreiertrupp ziehen. Das Tempo ist so hoch, dass eine Führungsarbeit meinerseits nicht in Frage kommt.
Irgendwann drücken mir langsam aber sicher die eineinhalb Liter Tee vom Morgen auf die Blase. Soll ich anhalten und die starke Gruppe ziehen lassen? NEIN, schreit es in mir, das muss auch anders gehen. Eine Zeit lang versinke ich in Gedanken und die Ablenkung funktioniert auch tatsächlich. Wir pedalieren eintönig vor uns hin. Dann drückt es wieder, stärker noch als zuvor. Ich denke an die Profis. Die würden in einer solchen Rennsituation – gute Gruppe erwischt und vorne weg unterwegs – einfach laufen lassen. Ich folge weiter meinen drei Wegbereitern doch … es drückt, … auf die Blase. Immer wieder sage ich mir: „Laufen lassen! Laufen lassen!“ und denke an Eddy, an Marco, an weiß nicht mehr wen und lasse es laufen.

Paris – Roubaix 2010: Die Königin unter den Klassikern

Das Trainingslager


Die Ruhe vor dem Sturm


Die Königin und ich




Pflichtgrillen

„Bei uns gab es gestern Pflichtgrillen …“, erwiderte jemand schräg hinter mir. Begonnen hatte das Gespräch mit einem im Wiegetritt gehauchten „Seid ihr gestern noch gefahren?“. „Ich nicht, ich hab ganz einen auf ruhig gemacht.“, antwortete einer aus der Gruppe. Der Zweite, schräg hinter mir fahrende, musste trotz anstehenden Radrennens grillen: „… Da konnte ich meine Frau einfach nicht von abhalten, war schließlich der erste richtige Sommertag in diesem Jahr. Ich hab sofort gesagt, dass ich heute kein Bier trinke. Meine Frau meinte aber, ich müsste ein oder zwei mittrinken. Ich hab dann ein Stubbi getrunken und das wars.“ So in etwa verlief ein Dialog an der Cote de Oneux, dem ersten Anstieg des Tages, bei Tilff-Bastogne-Tilff, der Jedermannversion des bekannten Frühjahrsklassikers von Lüttich nach Bastogne. Die Jungs neben mir waren nicht mehr ganz jung und gehörten ganz offensichtlich zum Umfeld von Radsport Ganser aus Breinig. Der Oneux unterband eine weitere Konversation.
In Gedanken, wie verschieden sich die Teilnehmer auf so ein Jedermannrennen vorbereiten, dachte ich im Rhythmus meiner träge rotierenden Tretkurbel an meinen gestrigen Tag: Zunächst hatte ich auf der Deutschen Alternativ Meisterschaft im Fußball vier mal 20 Minuten in sengender Sonne auf dem Platz gestanden und versucht Gegentreffer zu vermeiden. Zwischen den Spielen hatten wir mit der Mannschaft zusammen gesessen (ebenfalls in der Sonne) und Bier getrunken, wie das auf solchen Turnieren üblich ist.
Dass ich bereits seit fast einem Jahr nicht mehr gekickt hatte, bemerkte ich auf der Fahrt mit dem Fahrrad vom Platz nach Hause. Meine Beinmuskeln schienen ein wenig verhärtet, mein Tritt daher kein bisschen rund. Zur Regeneration verbrachte ich den Abend dann liegend vor dem Champions League Finale zwischen den Bayern und Inter Mailand und genehmigte mir noch ein bis zwei Bier. Zur Regeneration und zur Entspannung.
Morgens um halb fünf klingelte der Wecker. Am Start in Tilff war es bereits um 7 Uhr angenehm warm. Ich hatte meine Portion Frühstücksnudeln bereits anverdaut und zwei gekochte Eier dazu gegeben. Mit ein wenig süßem Kaffee gemischt übrigens eine wunderbare Grundlage für eine größere körperliche Anstrengung. Außer meinem Gang, der nach dem gestrigen Turnier nach Hüft-OP ausgesehen haben muss, schien alles optimal vorbereitet.
Die Jungs aus Breinig habe ich während des Rennens immer wieder getroffen. Ich bin stolz, dass die mich nicht abgehängt haben. Meine Muskeln und damit auch mein Gang, hatten sich nach wenigen Kilometern bereits wieder entspannt. Auch auf sie bin ich stolz, weil sie danach die gesamten 244 Kilometer durchgehalten haben.

Meine Rennradpsychose

Diejenigen unter Euch, die mich näher kennen, wundern sich vielleicht bei Durchsicht dieses Blogs darüber, dass er recht rennradlastig ist und meine große Leidenschaft Mountainbiken eher stiefmütterlich behandelt. Das liegt eigentlich nur daran, dass ich
a) den Blog Anfang des Jahres begonnen habe
und
b) jedes Jahr mit Beginn der Frühjahrsklassiker, also ebenfalls Anfang des Jahres, in eine Rennradpsychose verfalle.
Ich fahre dann mehrere Monate lang wie von Sinnen auf den Strecken von Amstel Gold Race, Lüttich – Bastogne – Lüttich und der Ronde van Vlanderen durch die Region und tagträume von spannenden Rennsituationen (in denen meist ich die Oberhand behalte). Das mag dem ein oder anderen vielleicht etwas bedenklich erscheinen, fühlt sich aber im Nachhinein verdammt gut an. Wenn ich dann innehalte und die Kamera zücke, sieht das so aus:

Normalerweise endet dieser Zustand recht abrupt gegen Ende April, wenn Lüttich – Bastogne – Lüttich gefahren ist. In diesem Jahr habe ich beschlossen, das Ganze etwas länger auszukosten: Ich habe mich an Pfingsten für Tilff – Bastogne – Tilff, die Jedermann-Version des in Lüttich startenden Profirennens, angemeldet. Am 6. Juni möchte ich meinen Singlespeed-Crosser über die 49 Kilometer Kopfsteinpflaster bei Paris – Robaix prügeln (entspannen werde ich dann auf den restlichen 130 Kilometern geschichtsträchtiger Strecke).
Also lieber Andre, lieber Wiepke und all ihr anderen Dreckskerle: Spätestens ab 6. Juni wird es nicht nur hier wieder matschiger …

Eine Staubwolke am Türkenloch

Ende April bin ich in Wien gewesen und habe meiner bezaubernden Freundin Nina geholfen, ihren nur annähernd so bezaubernden Kundinnen tolle Mode zu präsentieren. Außerdem bin ich mit De Rosa ein paar Pässe gefahren. Der bei weitem faszinierendste war das Türkenloch. Zunächst fuhr ich von Furth an der Triesting aus leicht bergan auf gut asphaltierter Straße den Steinwandgraben entlang. Ein schöner Auftakt in einem idyllischen Tal. Noch bevor es richtig in den Berg ging, kam ich an eine Gabelung. Kein Schild sagte mir wo lang, nur die Perspektive war klar: Links auf den Schotterweg oder rechts auf den Schotterweg.

Links sah aussichtsreicher aus und so nahm ich den Pass in Angriff. Anfangs erleichterten mir Überreste einer historischen Asphaltdecke den Anstieg, später waren auch diese Reste nicht mehr vorhanden. Im Wiegetritt verlor ich die Bodenhaftung, zum Sitzen war das Türkenloch eigentlich zu steil. Eine leichte Staubwolke saß mir im Nacken und ließ sich nicht abhängen. Ich gab alles auf diesem Pass, der mir wie aus der Radsportgeschichte geschnitzt erschien. Allmählich fand ich meinen Rhythmus: Wenig Steinchen auf dem Weg – vorsichtiger Wiegetritt; viel Steinchchen und felsiger Untergrund auf dem Weg – vorsichtiges Fahren im Sitzen. Meine Oberschenkel jubelten vor Schmerzen. Als hinter einer Kehre die asphaltierte Straße wieder begann, hatte ich im Kopf längst gewonnen: Weder Coppi noch Merckx hatten kontern können!