Musik

He plays the bicycle and his name is: Frank Zappa!

Queen – Bicycle Race

I want to ride my bicycle, I want ride it where I like …“, sang Freddy Mercury 1978 in Bicycle Race. Obwohl ich den Song damals noch nicht kannte, hatte ich seine Botschaft längst verstanden: Ich stattete ein altes Klapprad mit BMX-Reifen aus und heizte mit meinen Freunden Roland und Uwe die Teufelsinsel hoch und runter. Die Teufelsinsel war ein ehemaliges Truppenübungsgelände zwischen Stolberg und Eschweiler, welches Ende der 70er als Motorcross-Strecke genutzt wurde. Es bot uns daher beste Bedingungen. In den Pausen zwischen unseren Stunts haben wir dann China-Böller zu Bündeln gefügt und kleinere und größere Sprengungen durchgeführt. Aber das ist jetzt eine ganz andere Geschichte! Sicher ist, daß mich damals weder Song noch Cover dieser Single angesprochen hätten:

Und das änderte sich auch nicht so schnell: Queen, das war opulente Rockmusik mit vielen Spielereien in einer Riesenshow, genau das, was ich dann wenige Jahre später als Punkrocker zu hassen gelernt habe. Vor einiger Zeit dann, an einem schlappen Abend vor dem TV, geriet ich beim Zappen in ein Live-Konzert der Band. Und um es direkt und ganz offen zu sagen: Ich bin bis spät in der Nacht hängen geblieben! Der charismatische Freddy Mercury und seine perfekt aber äußerst fantasievoll performenden Kollegen hatten mich gepackt und nicht mehr los gelassen: Ich begann zu recherchieren und stieß auf das psychedelisch angehauchte Video zum Bicycle Song:

Ich habe dann nicht abgetrieben (Spiegel, Juni 1971) und auch nicht geklaut (Spex, September 2010), aber ich habe mitgesungen (mein Zimmer, September 2010) und mein Rad herbeigeholt, um das legendäre Fahrradklingelsolo (Minute 1:46) nach zu spielen. Bitteschön, jetzt seid ihr dran:

Kraftwerk – Tour de France Soundtracks

Tour de France 2010: Lance Armstrong erwartet ein „Blutbad“, Linus Gerdemann „Mord und Totschlag“, Jens Voigt belässt es immerhin bei „etlichen Knochenbrüchen“. Auf der 3. Etappe über 213 Kilometern von Wanze nach Arenberg stehen auf den letzten 30 Kilometern vier der berühmt-berüchtigten Kopfsteinpflaster-Passagen aus der Königin der Klassiker Paris – Roubaix auf dem Programm.
Bereits im Jahre 1910 entdeckte die Tour das Gebirge. Ohne Gangschaltung quälten sich die Helden den 2.115 Meter hohen Pyrenäengipfel Tourmalet hinauf. Der erste Fahrer, der völlig entkräftet den Gipfel erreichte, schleuderte den wartenden Organisatoren ein „Mörder, ihr verdammten Mörder“ entgegen.

Mich würde interessieren, wie Kraftwerk derartige Etappen vertont hätten! Ihr Doppelalbum „Tour de France“ von 2003 führt nicht über die Kopfsteinpflaster-Passagen im Norden Frankreichs und auch nicht über die legendären Berge der Pyrenäen: Im letzten Song der „Tour de France Soundtracks“ streifen die Düsseldorfer immerhin textlich die Extreme des französischen Nordens und Südens. „L‘Enfer du Nord Paris-Roubaix … Les Alpes et les Pyrenees … Galibier et Tourmalet.“ Musikalisch schaffen sie es leider nicht diese Dimension der Tour herauszuarbeiten. Die Tour Kraftwerks ist ein gleichmäßig dahin schwebender Bienenschwarm, ein musikalischer Peloton – ein nicht unpassendes aber auf keinen Fall umfassendes Bild der Tour. Sie haben mehr das Gesamte, den Mythos und kraftwerk-typisch das Robotische der Tour im Fokus.
Wie die Tour beginnt das Album mit einem Prolog. Er ist ziemlich sphärisch angelegt und wie auch das gesamte Album kraftwerktypisch recht kühl gehalten. Danach geht es hinein in die ersten drei Etappen. Dazu parlieren die drei alternden Herren: „Radio Tour, Maillot Jaune, Transmission Television, Reportage sur Moto“ und beschwören mit wenigen Worten den Geist der Tour, mit fast allem was dazu gehört. Auch die teilweise recht eintönigen Etappen: Die Stücke zu den Etappen eins bis drei sind fast identisch! Dann aber rollen sie das Feld von hinten auf. Die Seite Eins endet mit dem Chrono, dem Zeitfahren. Meines Erachtens handelt es sich bei dem Track um ein Mannschaftszeitfahren. Die Töne rollen hintereinander her, halten ihren Rhythmus und lassen sich dann wieder zurückperlen. Habe ich da gerade einen belgischen Kreisel gehört?

Seite Zwei des Albums ist pures Vitamin. Hier höre ich Anklänge der Kollegen DAF. Ansonsten werfen Kraftwerk hier Alles in die Waagschale, was sie bereits in den 70ern ausmachte: Minimalistisch, eintönig und doch wieder vielfältig gehen sie den Weg vom Vitamin zum Adrenalin!
Auf Seite Drei gestatten Kraftwerk uns einen Einblick in die technischen Bereiche der Tour. Das geht von Aerodynamik über Titanium bis hin zum Elektro Kardiogramm. Aerodynamik dürfte trotz ungewohnter Dance-Elemente zum Besten gehören, was die Düsseldorfer je zustande gebracht haben. Im „Elektro Kardiogramm“ wird der Mensch zur Maschine: Atem und Herzschlag bestimmen Rhythmus und Melodie. Dazu die unglaublich komprimierten Lyrics „Minimum Maximum/Minutes per Minute/ Elektro Kardiogramm“.

Tour De France Soundtracks ist nach Autobahn und Trans Europa Express der letzte Teil einer losen Trilogie. Angesichts des zeitlichen Abstandes zwischen den drei Alben überraschen die „alten Männer“ mit frischen Sounds und die bringen sie richtig gut auf die Etappen. Unvergleichlich gut deshalb, weil immer noch weit und breit niemand in Sicht ist, der aus so wenig so viel zustande bringt. Rhythmik, Struktur und Effekte der einzelnen Songs setzen in ihrer Perfektion wieder einmal Maßstäbe. Trockene Beats, Robotnik-Computerstimmen und die altbekannten Reime in Slogan-Form reduzieren alles auf die Quintessenz dessen, was Kraftwerk-Kompositionen ausmachen: weniger ist mehr.
Insgesamt entwerfen Kraftwerk ein minimalistisch-geniales Stück Musik, das keinen Vergleich zu scheuen braucht.
Nur die Qualen der Tour haben sie vergessen. Doch derartige Gefühle waren vielleicht auch noch nie Teil des Kraftwerkschen Kosmos.

Sportchestra – 101 Songs about Sport (1988)

2010 hatte ich beschlossen, kein Karneval zu feiern! Dafür wollte ich geschmeidig über die freien Tage einige Kilometer mit dem Rad zurücklegen. Leider machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Vom Schnee in der Wohnung gehalten, feierte ich tatsächlich kein Karneval und beschäftigte mich dafür mit meiner Plattensammlung. Dabei entdeckte ich ein paar (von mir) fast vergessene Kleinode, die mehr als nur Spaß machen. Eins davon ist das sehr liebevoll aufgemachte Doppelalbum „101 Songs about Sport“ aus dem Umfeld von Chumbawamba. Es wurde 1988 unter dem Pseudonym Sportchestra aufgenommen. Beteiligt sind Mitglieder von Chumbawamba und befreundete Musiker, u.a. von den Mekons und Citizen Fish. Wie der Albumtitel schon sagt, enthält es 101 Songs rund um Geschichte, Wahnsinn und Helden des Sports. Die meisten davon sind kurze, rotzig-rauhe Pop-Perlen, die seinesgleichen suchen.

101songs

So kurz wie die Songs des Albums sind auch die dazu gehörigen Texte, teilweise bestehen sie aus nur wenigen Zeilen. Ein besonders Schöner bezieht sich auf die Sportberichterstattung, die wir teilweise erdulden müssen:

If I had the wings of an angel,
the dirty black arse of a cow,
i would fly over the BBC Studios,
and shit on the bastard below!

Gedanken die einem zum Beispiel bei den Radsportreportagen von Eurosport kommen könnten, wenn zwei offensichtlich nicht kompetente Personen das Renngeschehen moderieren, sich dabei ständig widersprechen und in haarsträubende Diskussionen verzetteln. In diesen Momenten hätte ich auch gerne die Flügel eines Engels …

Natürlich ist auch der Radsport Thema auf diesem Album. Im Song No. 35 „Ever heard the one about the pacemaker?“ genau für 25 Sekunden: Jahrelang hat der Pacemaker für andere Fahrer das Tempo gemacht und im Schatten der Sieger gestanden. Eines Tages reicht ihm diese Rolle nicht mehr und er zieht durch – bis ins Ziel und zum Sieg. Das Sportchestra erzählt uns „the one“ in bester Punkmanier.

Song No. 30 handelt vom Mountain Biking, der Freiheit neue Wege zu erradeln und überall dort zu fahren, wo es früher undenkbar war. „Mountain Biking“ wird dominiert von einem Saxofon, das auf dem Rücken liegend in imaginäre Pedale tretend aufgenommen wurde. Der Saxofonist muss einen vertrackten Singletrail gefahren sein.

Und in „Changing gears“, dem Song No. 56, geht es um das Genußradeln, das spacen durch die Landschaft ohne Jagd nach Zeiten, gelben Trikots und Bergankünften: Take it slow, just enjoy the view! Da kann ich nur ganz und gar zustimmen und den Song in bester Rocktradition genießen.

Aber auch der Rest des Albums macht Laune, egal ob es um den ewigen Ersatzbanksitzer geht, (an der Gesetzgebung) gescheiterten Sportlern gedacht wird oder Sportler mit Handicap besungen werden. Natürlich ist Fußball ein weiteres großes Thema des englischen Albums, aber auch der Jagdsport wird thematisiert und sogar ein Song über den Nacktgeländelauf ist dabei.
Bleibt noch zu erwähnen, dass die gute Mandy Jones eins der Label ziert.

Fischmob – Bonanzarad

Ursprünglich wurde „Bonanzarad“ 1994 auf einer Split-Single von Fischmob mit der Punkband NoNotNow! aus Oldenburg veröffentlicht. Darauf coverten sich die beiden Bands gegenseitig, indem Fischmob das Stück „Thunderbird“ in eine Hymne ans Bonanzarad verwandelten und NoNotNow! sich des Fischmob-Titels „Ey, Aller“ annahmen und daraus „Ey Allä“ machten. „Bonanzarad“ erschien später auch auf dem Fischmob-Longplayer „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“.

„Cosmic DJ, der schreckliche Sven, Stachy und Koze sind die coolsten Boys auf der ganzen Welt“, so beginnt „Bonanzarad“, auch musikalisch wie aus der Verfilmung eines Kinderliteraturklassikers stammend. Doch danach wird an der Kunstholzschaltkonsole schnell in den dritten Gang geschaltet. Die Gitarre entstammt einem Liederabend bei den Pfadfindern, der Beat ist unauffällig gefällig und der Rap mehrstimmig und einfach gut. Der Refrain wird etwas krautiger gestaltet, was dem Ganzen (fast) den Flair einer Hymne gibt. Textlich geht es um die neue Schaltkonsole aus Sandelholz, den Rückspiegel (für den Wunschzettel) und drei Gänge sowie den Leerlauf. Alles in allem ein Song, der uns lehrt, das Radfahren gerne auch mal in der Art auszuleben, „Damit auch jeder sieht, was fürn geiles Rad ich hab“.