Archiv für November 2010

Roland Girtler – Vom Fahrrad aus

Roland Girtler ist Fahrradfahrer. Er ist mit seinem Rad durch Österreich gefahren, bevorzugt durch die Grenzregionen zu Italien und Deutschland. Von dieser Reise und seinen Begegnungen berichtet er „vom Fahrrad aus“. Doch das ist nicht seine einzige Perspektive. Er schreibt auch aus der Sicht eines Wissenschaftlers, eines Soziologen.

Girtler radelt „in der besten Tradition der Peripatetiker“. Das waren griechische Philosophen, die ihre Gedanken beim Herumgehen und Wandern fassten.
Auch ich entwickle die meisten meiner Geschichten in Bewegung, beim Radfahren. Ich cruise dann durch die Natur und in mir entsteht ein neuer Text. Zunächst ein Satz, der wird zur Szene, die wird zur Handlung und schon steht der neue Text. Leider vergesse ich die besten Passagen auf dem Weg nach Hause an das Schreibgerät. Es ist dann manchmal wie das Erwachen nach einem Traum. Gerade war er noch da, schon ist er wieder weg. Ich wünsche mir dann eine Schnittstelle, an der meine Gedanken aufgezeichnet werden. Vielleicht auf ein kleines Diktaphon, das ich zu Hause an meinen Rechner anschließe. Dort werden die Aufzeichnungen dann automatisch in Text umgewandelt. Ganz schön praktisch wäre das. Außerdem erinnert mich dieser Ansatz an eine Lesung mit der polnischen Autorin Olga Tokarczuk. Sie erzählte dort von einer russisch-orthodoxen Sekte, deren Glaube darin besteht, dass der Stillstand Teufels Werk sei. In logischer Folge befinden sich die Mitglieder der Sekte in ständiger Bewegung. Da auch diese Menschen einmal schlafen müssen, lösen sie das Dilemma, indem sie die Moskauer Metro nutzen. Die fährt die ganze Nacht und ermöglicht somit das Schlafen in Bewegung. Ich fand das ganz schön pfiffig, Olga auch. Ihr Buch hat dann auch den bezeichnenden Titel „Unrast“ bekommen. Doch eigentlich war ich ganz irgendwo anders. Deshalb zurück zu Girtler, dem Radfahren und den Grenzen.
Girtler radelt alleine, „denn nur derjenige, der ohne Begleitung in einem Gasthaus einkehrt, hat die Chance, ins Gespräch gezogen zu werden und etwas über fremde Lebensart kennen zu lernen. Nur demjenigen, der alleine unterwegs ist, wird die Radtour zu einer Meditation. Er fängt an zu sinnieren, freut sich über die Natur, und die Phantasie schweift frei in weite Ferne“. Girtler, das sind meine Gedanken, die Worte dazu habe ich auf dem Heimweg verloren.
Girtler radelt nicht zufällig an Grenzen entlang und über sie hinweg, sie faszinieren ihn. Er beschäftigt sich als Soziologe mit Randkulturen, schrieb über Schmuggler, Gauner, Aristokraten und feine Leute. Klar ist, wer am Rand der Gesellschaft lebt, bewegt sich ständig entlang einer Grenze: Die Grenze, die sein Leben abgrenzt von dem der Anderen.
Girtler schreibt unterhaltsam und wissenschaftlich. Pole, die nicht gegensätzlich sein müssen. Das Buch sollten all diejenigen lesen, die gerne mit dem Rad reisen, unterhaltsam dargebotene Wissenschaft mögen und sich für die kleinen aber feinen Dinge des Alltags begeistern können, wie zum Beispiel für den Tatzelwurm.