Archiv für Juli 2010

Kraftwerk – Tour de France Soundtracks

Tour de France 2010: Lance Armstrong erwartet ein „Blutbad“, Linus Gerdemann „Mord und Totschlag“, Jens Voigt belässt es immerhin bei „etlichen Knochenbrüchen“. Auf der 3. Etappe über 213 Kilometern von Wanze nach Arenberg stehen auf den letzten 30 Kilometern vier der berühmt-berüchtigten Kopfsteinpflaster-Passagen aus der Königin der Klassiker Paris – Roubaix auf dem Programm.
Bereits im Jahre 1910 entdeckte die Tour das Gebirge. Ohne Gangschaltung quälten sich die Helden den 2.115 Meter hohen Pyrenäengipfel Tourmalet hinauf. Der erste Fahrer, der völlig entkräftet den Gipfel erreichte, schleuderte den wartenden Organisatoren ein „Mörder, ihr verdammten Mörder“ entgegen.

Mich würde interessieren, wie Kraftwerk derartige Etappen vertont hätten! Ihr Doppelalbum „Tour de France“ von 2003 führt nicht über die Kopfsteinpflaster-Passagen im Norden Frankreichs und auch nicht über die legendären Berge der Pyrenäen: Im letzten Song der „Tour de France Soundtracks“ streifen die Düsseldorfer immerhin textlich die Extreme des französischen Nordens und Südens. „L‘Enfer du Nord Paris-Roubaix … Les Alpes et les Pyrenees … Galibier et Tourmalet.“ Musikalisch schaffen sie es leider nicht diese Dimension der Tour herauszuarbeiten. Die Tour Kraftwerks ist ein gleichmäßig dahin schwebender Bienenschwarm, ein musikalischer Peloton – ein nicht unpassendes aber auf keinen Fall umfassendes Bild der Tour. Sie haben mehr das Gesamte, den Mythos und kraftwerk-typisch das Robotische der Tour im Fokus.
Wie die Tour beginnt das Album mit einem Prolog. Er ist ziemlich sphärisch angelegt und wie auch das gesamte Album kraftwerktypisch recht kühl gehalten. Danach geht es hinein in die ersten drei Etappen. Dazu parlieren die drei alternden Herren: „Radio Tour, Maillot Jaune, Transmission Television, Reportage sur Moto“ und beschwören mit wenigen Worten den Geist der Tour, mit fast allem was dazu gehört. Auch die teilweise recht eintönigen Etappen: Die Stücke zu den Etappen eins bis drei sind fast identisch! Dann aber rollen sie das Feld von hinten auf. Die Seite Eins endet mit dem Chrono, dem Zeitfahren. Meines Erachtens handelt es sich bei dem Track um ein Mannschaftszeitfahren. Die Töne rollen hintereinander her, halten ihren Rhythmus und lassen sich dann wieder zurückperlen. Habe ich da gerade einen belgischen Kreisel gehört?

Seite Zwei des Albums ist pures Vitamin. Hier höre ich Anklänge der Kollegen DAF. Ansonsten werfen Kraftwerk hier Alles in die Waagschale, was sie bereits in den 70ern ausmachte: Minimalistisch, eintönig und doch wieder vielfältig gehen sie den Weg vom Vitamin zum Adrenalin!
Auf Seite Drei gestatten Kraftwerk uns einen Einblick in die technischen Bereiche der Tour. Das geht von Aerodynamik über Titanium bis hin zum Elektro Kardiogramm. Aerodynamik dürfte trotz ungewohnter Dance-Elemente zum Besten gehören, was die Düsseldorfer je zustande gebracht haben. Im „Elektro Kardiogramm“ wird der Mensch zur Maschine: Atem und Herzschlag bestimmen Rhythmus und Melodie. Dazu die unglaublich komprimierten Lyrics „Minimum Maximum/Minutes per Minute/ Elektro Kardiogramm“.

Tour De France Soundtracks ist nach Autobahn und Trans Europa Express der letzte Teil einer losen Trilogie. Angesichts des zeitlichen Abstandes zwischen den drei Alben überraschen die „alten Männer“ mit frischen Sounds und die bringen sie richtig gut auf die Etappen. Unvergleichlich gut deshalb, weil immer noch weit und breit niemand in Sicht ist, der aus so wenig so viel zustande bringt. Rhythmik, Struktur und Effekte der einzelnen Songs setzen in ihrer Perfektion wieder einmal Maßstäbe. Trockene Beats, Robotnik-Computerstimmen und die altbekannten Reime in Slogan-Form reduzieren alles auf die Quintessenz dessen, was Kraftwerk-Kompositionen ausmachen: weniger ist mehr.
Insgesamt entwerfen Kraftwerk ein minimalistisch-geniales Stück Musik, das keinen Vergleich zu scheuen braucht.
Nur die Qualen der Tour haben sie vergessen. Doch derartige Gefühle waren vielleicht auch noch nie Teil des Kraftwerkschen Kosmos.

Der Ritt über den Eifelsteig

Donnerstag 24. Juni 2010: Drei bunt gekleidete Cowboys treffen sich pünktlich um 14.50 Uhr, um mit ihren Gäulen den Eifelsteig zu reiten. Ein langes Wochenende voller Qualen für Beine und Hintern steht ihnen bevor. Ein letzter Espresso bei W. soll der Truppe den initialen Kick geben.

Zunächst reiten sie durch den Aachener Stadtwald gen Südosten. Die Sprüche sitzen noch locker, der Gaul ist noch frisch. In Kornelimünster erreichen sie den Eifelsteig. Die Sonne scheint gnadenlos auf ihre behüteten Köpfe und das Ozon drückt in ihre strapazierten Lungen. An der Dreilägerbachtalsperre gleiten sie über erste Wurzeltrails hinweg. Noch herrscht Euphorie, die Sprüche fallen bereits spärlicher. Es geht bergauf, meist nicht steil, aber stetig. Mitten im Venn, am Reinartzhof, treten erste Zweifel zutage. Warum jetzt schon wieder eine Pause, schaffen sie es überhaupt bis zur Unterkunft in Gemünd? Kurzerhand schicken die Drei eine Depesche: Schaffen es nicht! An einem Abhang von Mützenich hinunter nach Monschau teilt sich der Weg. Die drei verweilen zur Orientierung und A. entdeckt zur linken Hand eine Herberge.
Es ist der Nassenhof. Nach kurzer Verhandlung ist die Unterkunft klar.

Die Drei bekommen einen Schuppen für die Gäule, ein Acht-Bett-Zimmer für die müden Knochen und Kartoffelsalat mit selbst gemachten Frikadellen für den Magen. Der Abend ist angenehm warm und es läuft Slowakei gegen Holland im TV. Doch nicht nur die WM ebnet den Dreien den Weg in die Mützenicher Herzen. Schnell ist man im Gespräch über den Eifelsteig, wo man her kommt, hin fährt und natürlich über Mützenich. Am Wochenende findet die Sommerkirmes statt, Freitags ist Beachparty im Zelt, Samstags wird getrunken und Sonntags wird das Deutschland-Spiel gegen England den Nassenhof füllen. Montags wird dann der neue Schützenkönig präsentiert und ebenfalls getrunken. Dann naht die Feuerwehr. Es ist Lemmy und er ist Mitglied beim Löschzug der freiwilligen Feuerwehr Mützenich. Er erzählt von seinen Abenteuern mit dem Tandemteam Mützenich und zeigt den nun recht heiteren Montenbeikern im Internet hinter der Theke die technischen Details des Gefährts. Es wird von fünf Personen angetrieben und fährt auf Mofareifen. Sie waren damit in Schottland, in der Bretagne und sind Anfang Juni von Mützenich nach Leipzig zum Treffen deutscher Feuerwehrmänner gefahren. Nachdem in wenigen Sätzen Alles über das Tandemfahren im Speziellen und das Fahrradfahren im Allgemeinen ausgetauscht wurde, zieht sich Lemmy wieder zurück. Ein angenehm direktes aber total unaufdringliches Völkschen diese Mützenischer.
Am nächsten Morgen ist Alles ganz anders: Nie wieder würden sie eine solch gute Herberge finden, nie wieder so angenehm Fußball gucken, nie wieder so herzlich aufgenommen werden. Und nie wieder so gut frühstücken können und vor allem nie wieder so nett verabschiedet werden. Drei Cowboys, drei Gäule , aber wie sollten sie nun ihre weiteren Kilometer mit Sinn füllen?

Sie sind trotzdem weiter geritten. Sie haben Blankenheim gesehen und Gerolstein erkundet. Sie sind durch wunderbare Wacholderwaldungen gefahren, haben gefährliche Abhänge gestanden und sind etliche Meter gen Himmel geradelt. Nie wieder würde ein zweites Mützenich möglich sein. Nie wieder?
Noch eine zweite Frage beschäftigte das Dreigestirn: Wo sollten sie Sonntags gegen Ende der Tour die Deutschen gegen England siegen sehen? Die erste Frage beantwortete W. mit einem „Warum eigentlich nie wieder?“, und die Zweite der etwas nachdenklich wirkende A. mit einem „Wie wärs mit Mützenich!“.
Die Rückkehr nach Mützenich war triumphal. Auf jeden Fall für B. . Die Wirtin begrüßte ihn sehr herzlich, fragte nach den Anderen. Mit einem verschwitzten Lächeln auf den Lippen gestand B.: “ Den Einen habe ich unten in Monschau stehen gelassen und der Andere hatte vorher bereits eine Abkürzung genommen, müssten also beide gleich eintreffen.“

A. kam schon bald den Mützenich bergauf gehechelt und W. kurz darauf von seiner Abkürzung zurück. So hatten die Drei noch Zeit, vor dem Spiel mit Blick über Monschau im Schatten des Mützenicher Kirmesbaumes ein erstes gemeinsames Achtelfinalbier zu trinken.