Archiv für Juni 2010

Laufen lassen!

Langsam wird es gut! Bereits seit geraumer Zeit befinde ich mich in einer vierköpfigen Ausreißergruppe. Zwei der Jungs hatten mich überholt, ich mich an sie dran gehängt. Der Dritte in unserem Zug war dann etwas später dazu gestoßen. Der Regen peitscht seit kurz nach dem Start vom Himmel, zum Glück ist es relativ warm. Auf den Kuppen des Haspengouw erwischen uns einzelne, recht starke Windböen. So lasse ich mich von dem Dreiertrupp ziehen. Das Tempo ist so hoch, dass eine Führungsarbeit meinerseits nicht in Frage kommt.
Irgendwann drücken mir langsam aber sicher die eineinhalb Liter Tee vom Morgen auf die Blase. Soll ich anhalten und die starke Gruppe ziehen lassen? NEIN, schreit es in mir, das muss auch anders gehen. Eine Zeit lang versinke ich in Gedanken und die Ablenkung funktioniert auch tatsächlich. Wir pedalieren eintönig vor uns hin. Dann drückt es wieder, stärker noch als zuvor. Ich denke an die Profis. Die würden in einer solchen Rennsituation – gute Gruppe erwischt und vorne weg unterwegs – einfach laufen lassen. Ich folge weiter meinen drei Wegbereitern doch … es drückt, … auf die Blase. Immer wieder sage ich mir: „Laufen lassen! Laufen lassen!“ und denke an Eddy, an Marco, an weiß nicht mehr wen und lasse es laufen.

Paris – Roubaix 2010: Die Königin unter den Klassikern

Das Trainingslager


Die Ruhe vor dem Sturm


Die Königin und ich




Henry Miller – Mein Fahrrad und andere Freunde

„Mein Fahrrad und andere Freunde“ ist ein schmales, recht unterhaltsames Taschenbuch. Es enthält acht Portraits, die aus dem Rahmen fallen. Sieben der liebevoll-spitzfindigen Betrachtungen Henry Millers gelten Weggefährten aus Fleisch und Blut – die achte und zugleich ungewöhnlichste Liebeserklärung richtete er an sein Fahrrad, das er einem schlesischen Sechstagerennfahrer im Madison Square Garden abkaufte.
Henry Miller interessierte sich nicht nur für Oper, Literatur und Theater und war ein skandalumwitterter Schriftsteller, nein mit seinen „anderen“, den gewöhnlichen Kumpels ging er auch gerne Box- und Ringkämpfe anschauen, oder aber auch mal auf ein Sechstagerennen. Zu seinem im Madison Square Garden auf der Radrennbahn erworbenen Rad pflegte er eine innige Beziehung: „Ich hatte zwei andere Räder amerikanischer Produktion. Die lieh ich meinen Freunden aus, wenn sie eines brauchten. Auf dem aus dem Garden fuhr nur ich selbst.“

Das „Rad aus dem Garden“ half ihm, seine unerwiderte Liebe zu Una Gifford, zu überwinden. Ständig musste er an Una denken, doch die beachtete ihn kaum. „Dann hörte ich plötzlich auf damit und tat nichts. Nichts als Radfahren.“ Seine Bindung zum „Rad aus dem Garden“ ging so weit, dass seine Mutter hellhörig wurde. „Ich wundere mich nur, dass du das Ding nicht mit ins Bett nimmst!“ Worauf Miller antwortete: „Das würde ich auch, wenn ich ein anständiges Bett hätte, das groß genug ist.“ Sein Händler, zu dem er das Rad in die Reparatur brachte, nahm oft kein Geld für seine Leistungen, „weil er, wie er sagte; keinen anderen kannte, der sein Rad so sehr liebte wie ich.“ Sein Liebesleid treibt ihn gar so weit, dass er sich immer weniger für seine Freunde interessierte: „Mein Rad war jetzt zu meinem einzigen Freund geworden. Ich konnte mich auf ihn verlassen, was ich von meinen Kumpels nicht behaupten konnte. Es ist schade, dass mich niemand mit meinem Freund fotografiert hatte. Ich gäbe alles darum, wüsste ich jetzt, wie wir zusammen ausgesehen haben.“
Das sind Sätze die runtergehen wie Butter! Sollte irgend jemand in Millers Bekenntnissen eine gewisse Schrulligkeit vermuten, dem kann ich nur sagen: „Du irrst!“