Pflichtgrillen

„Bei uns gab es gestern Pflichtgrillen …“, erwiderte jemand schräg hinter mir. Begonnen hatte das Gespräch mit einem im Wiegetritt gehauchten „Seid ihr gestern noch gefahren?“. „Ich nicht, ich hab ganz einen auf ruhig gemacht.“, antwortete einer aus der Gruppe. Der Zweite, schräg hinter mir fahrende, musste trotz anstehenden Radrennens grillen: „… Da konnte ich meine Frau einfach nicht von abhalten, war schließlich der erste richtige Sommertag in diesem Jahr. Ich hab sofort gesagt, dass ich heute kein Bier trinke. Meine Frau meinte aber, ich müsste ein oder zwei mittrinken. Ich hab dann ein Stubbi getrunken und das wars.“ So in etwa verlief ein Dialog an der Cote de Oneux, dem ersten Anstieg des Tages, bei Tilff-Bastogne-Tilff, der Jedermannversion des bekannten Frühjahrsklassikers von Lüttich nach Bastogne. Die Jungs neben mir waren nicht mehr ganz jung und gehörten ganz offensichtlich zum Umfeld von Radsport Ganser aus Breinig. Der Oneux unterband eine weitere Konversation.
In Gedanken, wie verschieden sich die Teilnehmer auf so ein Jedermannrennen vorbereiten, dachte ich im Rhythmus meiner träge rotierenden Tretkurbel an meinen gestrigen Tag: Zunächst hatte ich auf der Deutschen Alternativ Meisterschaft im Fußball vier mal 20 Minuten in sengender Sonne auf dem Platz gestanden und versucht Gegentreffer zu vermeiden. Zwischen den Spielen hatten wir mit der Mannschaft zusammen gesessen (ebenfalls in der Sonne) und Bier getrunken, wie das auf solchen Turnieren üblich ist.
Dass ich bereits seit fast einem Jahr nicht mehr gekickt hatte, bemerkte ich auf der Fahrt mit dem Fahrrad vom Platz nach Hause. Meine Beinmuskeln schienen ein wenig verhärtet, mein Tritt daher kein bisschen rund. Zur Regeneration verbrachte ich den Abend dann liegend vor dem Champions League Finale zwischen den Bayern und Inter Mailand und genehmigte mir noch ein bis zwei Bier. Zur Regeneration und zur Entspannung.
Morgens um halb fünf klingelte der Wecker. Am Start in Tilff war es bereits um 7 Uhr angenehm warm. Ich hatte meine Portion Frühstücksnudeln bereits anverdaut und zwei gekochte Eier dazu gegeben. Mit ein wenig süßem Kaffee gemischt übrigens eine wunderbare Grundlage für eine größere körperliche Anstrengung. Außer meinem Gang, der nach dem gestrigen Turnier nach Hüft-OP ausgesehen haben muss, schien alles optimal vorbereitet.
Die Jungs aus Breinig habe ich während des Rennens immer wieder getroffen. Ich bin stolz, dass die mich nicht abgehängt haben. Meine Muskeln und damit auch mein Gang, hatten sich nach wenigen Kilometern bereits wieder entspannt. Auch auf sie bin ich stolz, weil sie danach die gesamten 244 Kilometer durchgehalten haben.

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